Zehntausend Buddhas und eine neue Kultur

Heute, am dritten Tag unserer Reise, haben wir uns das erste Mal nicht wie Touristen gefühlt. Auch wenn der Kopf wusste, das man hier keine Touristentour machen möchte sondern das Land und die Leute kennenlernen will, so war es doch irgendwie anders. Wir sind heute recht spät aufgestanden und nach einem ordentlichen Frühstück im Hotel erst gegen halb zwölf losgegangen. Wir hatten uns vorgenommen heute ein paar Tempel zu sehen und wollten diese zu Fuß erkunden. Also habe ich mir vorab in Google Maps einige Tempel markiert und die beste Route erstellt. Unser Hotel liegt im Distrikt 1 und ohne es zu wissen waren wir am Ende in Distrikt 5 gelandet. Es war auch das erste Mal, dass ein Mann, der uns auf seinem Roller rumfahren wollte, sich nicht mit dem ersten Nein zufrieden gab und es vier weitere Neins gebraucht hat, bis er von uns ab ließ. Er war zwar freundlich und hat uns seine Bewertungen in seinem kleinen Notizbuch von anderen Deutschen gezeigt, wir wollten aber einfach zu Fuß gehen und dabei auch unbekannte und unscheinbare Gassen erkunden, so wie wir es bisher überall getan haben.

So gingen wir also weiter. Auf dem Weg waren wir ein wenig überrascht als an der großen Hauptstraße kein Straßenhund sondern ein Hahn zu sehen war, der aber genauso zahm war wie ein Hund. Er zeigte keinerlei Angst als wir mit nur ca. 10cm Abstand an ihm vorbei liefen. Auf dem Weg gönnten wir uns unseren ersten Matcha Smoothie (lecker!) und einen lila Taro Bun mit Füllung (interessant und lecker!). Am ersten Tempel an dem wir vorbei kamen ist uns aufgefallen, dass wir in kurzer Hose unterwegs waren. Nach einer kurzen Google Recherche entschieden wir uns dazu, den Tempel erst einmal nur von außen zu besichtigen und an einem anderen Tag in angemessener Kleidung nochmal vorbei zu kommen. Diese Entscheidung führte uns zum nächsten Tempel und dem ersten Highlight unserer Reise: Dem Tempel der zehntausend Buddhas.

Dort angekommen wurden wir von einem farbenfrohen, roten und pompösen Eingang begrüßt – ein schöner Anblick. Zu diesem Zeitpunkt dachten wir, dass dieser Tempel nur auf einer Etage zu besichtigen wäre, da wir online nicht vorab nach Informationen oder Fotos gesucht haben, um wirklich neue Dinge kennenlernen und sehen zu können. Auch hier haben wir damit gerechnet, unangemessen gekleidet zu sein, wollten uns den Außenanblick aber nicht entgehen lassen. Dann haben wir jedoch auch einige Vietnamesen in kurzen Hosen gesehen und uns nach kurzem Zögern dazu entschieden, den Tempel zu betreten. Wir traten vorsichtig ein und waren bereit uns zu entschuldigen und den Tempel wieder zu verlassen, sollte unsere Kleidung doch unangemessen sein. Nach kurzem Umsehen im Eingangsbereich und dem ersten Schrein entdeckten wir durch einen Zettel mit einem Pfeil, den wir schnell per App übersetzt haben, hinter dem Schrein eine Treppe nach oben.

Ein Stockwerk nach dem anderen erkundeten wir den Tempel. Im letzten allerdings hat es uns nach viel Staunen über die ersten vier Stockwerke die Sprache verschlagen. Wir hatten schon nur mit dem Erdgeschoss gerechnet und sahen dann diese ganzen Schreine, die Fotos von Verstorbenen, die vielen Kerzen und Räucherstäbchen und die wunderschön verzierten Wände und vor allem Decken. Insbesondere ich habe mich vorab über keine Sehenswürdigkeiten informiert, da ich mich gerne treiben lasse. Seit meinem ersten Urlaub in New York genieße ich es, lange durch die Städte zu wandern und immer wieder Unbekanntes zu entdecken.

Im letzten Stockwerk bemerkten wir, dass außer uns kein anderer Westeuropäer hier war. Es waren nur einheimische Gläubige dort. Ein gutes Gefühl. Das ist es, was wir sehen wollen: Authentizität statt Touristenshow. Die Wände des fünften Stockwerks sind komplett mit kleinen Nischen versehen, in jeder einzelnen sitzt ein Buddha. Dieser Raum macht dem Namen „Tempel der zehntausend Buddhas“ alle Ehre. Die Schuhe bereits im vierten Stock ausgezogen konnten wir direkt in den Raum eintreten. Das Staunen wurde noch größer als wir in der Mitte den riesigen Buddha und zu seiner linken und rechten Seite zwei weitere kleinere (aber immer noch riesige) Buddhas sahen. Außerdem gab es einige schöne Blumen, einen Balkon mit einer Glocke und Figuren sowie einer Art Schrein mit Räucherkerzen im Inneren. Die unzähligen, vermutlich hunderte, Kerzen nicht zu vergessen. Im Raum selbst gab es einige Hocker zum hinknien und lange Tische mit Büchern darauf. Gebetsbücher wie wir vermuteten, was sich auch bestätigte. Nach einiger Zeit gingen wir dann wieder runter und dort sprach uns beim gehen ein Mönch an, dass wir gerne mit nach oben kommen könnten. Wir bedankten uns und erklärten, dass wir gerade bereits dort waren – und gingen runter und hinaus.

Vor dem Tempel hörten wir plötzlich den Gesang mehrerer Menschen. Es kam vom obersten Stock und wir begriffen schlagartig, dass der Mönch uns aus einem bestimmten Grund nach oben eingeladen hatte. Auf direktem Wege gingen wir wieder nach oben, denn dieser missverstandenen Einladung wollten wir unbedingt nachkommen. Wieder im fünften Stock angekommen waren wir uns dann aber erst nicht sicher, ob wir tatsächlich rein gehen sollten. Die Frau, die uns vorab schon ein paar Worte zum Buddhismus erzählt hatte, wie zum Beispiel, was das Falten der Hände und das Verbeugen für eine Bedeutung haben, winkte uns jedoch freundlich herein. Also traten wir ein. Sie zeigte uns nochmal, wie wir die Hände halten sollten um mitzumachen und wir machten es ihr nach, inklusive einiger Verbeugungen zum Singsang des Gebets. Der Buddhismus hatte mich schon immer fasziniert und es war uns eine Ehre, hieran teilhaben zu dürfen. In mir breitete sich ein friedliches Gefühl aus und ich genoss diesen ca. 20 – 30 Minütigen Augenblick. Die Frau erklärte uns währenddessen noch, dass gerade die zehntausend Buddhas angebetet werden, es noch etwas dauern kann und wir jederzeit gehen können. Auf keinen Fall, da waren wir uns einig, würden wir hier weggehen. Wir blieben. Nach dem Gebet kam ihr Mann zu uns. Er war ein älterer Asiate, der uns erzählte, dass die beiden in der USA leben und erklärte uns außerdem noch mehr zum Buddhismus.

Zum Beispiel, dass die Frauen die hier in schwarzen Gewändern singen ein Gelübde abgelegt haben, mit welchem sie sich den fünf Silas (Regeln) verpflichten. Diese sind: Nicht zu töten, nicht zu stehlen, sich kein sexuelles Fehlverhalten zu leisten, nicht zu Lügen und keine berauschenden Mittel zu sich zu nehmen. Er erklärte uns, dass die zwei Buddhas zur linken und zur rechten Seite des großen Buddhas für die zwei Wege Mahayana (Maha = Groß und Yana = Fahrzeug oder Weg) und Hinayana (Hina = Klein und Yana = Fahrzeug oder Weg) stehen. Um uns diese beiden Richtungen zu verdeutlichen verglich er sie mit einem Bus mit vielen Sitzplätzen und einem Taxi mit nur ein bis zwei Sitzplätzen, da Yana für Fahrzeug oder Weg steht. Er erzählte uns auch, dass der Buddhismus ca. 2650 Jahre alt ist, der vollordinierte Mönch 253 Regeln und die vollordinierte Nonne sogar 364 Regeln einhalten müsse. Wir zeigten großes Interesse an seinen Erzählungen und Erklärungen und hatten uns nun, wie von einer Dame des Tempels angeboten, auf dem Balkon auf Hocker gesetzt. Der Mann war kurz gegangen und kam dann wieder. Schon vorab hatte er uns erzählt, dass es nach 30 Minuten Pause bereits das Abendgebet geben wird und anschließend vegetarisches Essen gereicht wird. Natürlich gingen wir nicht davon aus, ein kostenloses Essen als nicht-buddhistische Besucher zu erhalten. Doch dazu gleich mehr.

Als der Mann zurück war erzählte er uns noch einiges mehr über den Buddhismus und würde ich hier zu viel erzählen, wäre es wie ein Lehrbuch. Daher nur noch drei Fakten: Buddha hat 100 Bücher mit seinen Lehren verfasst. Es gibt außerdem vier Noble Truths (Edle Wahrheiten), und zwar die edle Wahrheit über das Leiden, die Ursache des Leidens, die Beendigung des Leidens und die Wahrheit über den Pfad der Ausübung, der zur Beendigung des Leidens führt. Und das wichtigste: Jeder ist gleich und jeder kann zu Buddha werden. Buddha ist kein Gott, sondern ein Lehrer. Ich muss sicher nicht erwähnen, dass wir bereits längst beschlossen hatten, das Abendgebet zu sehen und uns hinterher noch viel mehr über den Buddhismus zu informieren. Zu faszinierend war das alles und wunderbar fremd. Eine Kultur die uns bisher vollkommen unbekannt war.

Beim zweiten Gebet an dem wir nun teilnahmen wurden wir am Anfang aufgefordert, wie alle anderen Anwesenden es bereits vor uns getan hatten, nach vorne zu gehen. Wir fühlten uns etwas hilflos und überfordert, da wir nicht wussten, was wir direkt vor dem Schrein des großen Buddhas machen sollten und gingen erst einmal wieder einen Schritt zurück. Eine zweite Frau ermutigte uns ein weiteres Mal freundlich dazu, nach vorne zu kommen und letztlich trauten wir uns. Wir nahmen wie von ihr erklärt ein kleines Stück Holz zum räuchern in die Hände, falteten dieses und legten das Stück Holz zu den anderen bereits abgelegten Hölzern in die Räucherschale vor den Altar. Es freute uns, dass wir behandelt wurden als wären wir ein Teil der Gemeinde, auch wenn wir keine Ahnung hatten, was wir taten. Als das letzte Gebet nach einer weiteren halben Stunde beendet war und wir noch einmal dem Gesang des Mönchs in Abwechslung zum Gesang der Frauen hören konnten, wurden wir von einigen Frauen freundlich angesprochen und verabschiedet. Sie bemühten sich mit ihrem besten Englisch. Man konnte sich verständigen und sie luden uns, entgegen der bereits erhaltenen Information, das Morgengebet sei für die Öffentlichkeit geschlossen, zu eben diesem für den nächsten Morgen 6:00 Uhr ein. Wir vermuten, dass wir durch unsere Anwesenheit und Teilnahme an gleich zwei Gebeten und informativen Gesprächen aufrichtiges Interesse erkennen lassen konnten und deshalb von der Gemeinde dieses Tempels akzeptiert und Willkommen geheißen wurden, was zur Einladung für den nächsten Tag führte. Sicherlich werden wir morgen dort hingehen. Zuletzt wurde gesagt, dass wir nun nach unten gehen könnten. Vermutlich um zu gehen?

Als wir den Tempel verlassen wollten, kamen wir mit unseren beiden amerikanisch-buddhistischen Gesprächspartnern an dem Raum vorbei, wo nach dem Gebet das Essen für die Gemeinde ausgegeben wird. Ein kurzer Blick in den Raum und schon wurden wir von einer Frau begeistert herein gewunken und an einen Tisch gesetzt. Zwei vietnamesische Frauen und das buddhistische Paar aus der USA setzten sich zu uns und uns wurde jeweils eine Schüssel mit einer extrem leckeren, vegetarischen Suppe und eine kleine Schüssel mit Limettenstückchen und klein geschnittener Chili gereicht. Als unsere Brotstückchen aus der Suppe aufgegessen waren, stand eine der Frauen auf und brachte uns direkt eine weitere Schale und legte jeweils ein neues Stück in meine und in Lisas Schüssel. Wir (und einige Straßenhunde) wurden hier so herzlich aufgenommen und das obwohl wir zunächst nur den Tempel besichtigen wollten. Doch dank dem späten Aufstehen, der falschen Kleidung für den anderen Tempel, dem Mönch der uns eingeladen hat und der Dame aus den USA die direkt das Gespräch mit uns gesucht hat, sind wir hier gelandet und saßen mit dem Paar das uns soviel erzählte und zwei interessierten vietnamesischen Damen an einem Tisch. Eine weitere Frau kam mit etwas pinkem auf dem Teller zu unserem Tisch, was tatsächlich aussah wie Schwämme. Ich dachte tatsächlich, dass es ein Schwamm wäre, um etwas vom Tisch oder am Mund abzuwischen. Doch eine der zwei Frauen zeigte mir, dass man das vermeintliche Putzutensil essen kann und so legte ich es erst einmal neben die Schüssel um erst noch die Suppe aufzuessen. Der pinke Nachtisch, von der Konsistenz her tatsächlich irgendwie schwammig, war ebenfalls super lecker und wir genossen die gesellige Runde. Wir waren glücklich. Beim Verabschieden winkten und lächelten uns alle noch einmal zu. Man hat gemerkt, dass sie uns interessant fanden und unser großen Interesse für ihre Religion, ihren Tempel und sie selbst schätzten. Beim Verlassen des Tempels warfen wir natürlich noch eine Spende in den entsprechenden Behälter und kauften uns im angrenzenden Laden rote Armbänder mit zwei Fischen (das Symbol für Glück) aus Holz daran als Erinnerung an diesen Tag.

Nicht viele Touristen gehen so weit zu Fuß durch die Stadt und auch nicht bis zu Distrikt 5 wurde uns erzählt. Und wenn, dann nur um ein paar Fotos zu machen. Doch wir wollten mehr und so ergab sich der erste Tag unserer Reise, so wie wir es uns vorab vorgestellt, ausgemalt und erträumt haben. Mit dem eintauchen in eine neue Kultur.

2 thoughts on “Zehntausend Buddhas und eine neue Kultur

    1. Dankeschön Marko 🙂 freut uns das dir der Bericht gefällt 🙂 Die Fortsetzung folgt morgen 🙂 LG aus Vietnam. Thorben

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