Wie aus dem vermeintlichen Morgengebet etwas ganz Besonderes wurde

Können wir da wirklich rein?

Wie im Artikel „10.000 Buddhas und eine neue Kultur“ bereits erwähnt, wurden wir nach unserem ersten, intensiven Besuch des Tempels für das Morgengebet am nächsten Tag eingeladen. Wir stellten uns den Wecker auf 4.30 Uhr, waren um 5.45 Uhr am Tempel und hofften, dass uns unsere Bekanntschaft vom Vortag tatsächlich auch erkennen und mit rein nehmen würde. Als wir schüchtern am Eingang des Tempels standen deutete uns ein Mönch jedoch freundlich, dass wir bereits eintreten können. Wir gingen also in das oberste Stockwerk und dort wartete ein riesiges Gewusel auf uns. Männer und Frauen liefen mit Tabletts umher, alle mit Lebensmitteln bestückt. Wir standen im Eingangsbereich zum Raum der 10.000 Buddhas, waren bei dem ganzen Trubel aber immer noch unsicher, ob unsere Anwesenheit tatsächlich kein Problem darstellt. Wir fassten uns ein Herz und fragten einen weiteren Mönch, der unsere Unsicherheit mit einer Handbewegung in den Raum sofort wegwischte.

Vorbereitungen für das Morgengebet

Wir hatten bereits im Eingangsbereich gesehen, dass im Vergleich zum vergangenen Tag zig zusätzliche Schreine mit unterschiedlichen Buddha Abbildungen mit Kerzen, Räucherstäbchen, Lebensmitteln, Blumen und anderen Gegenständen befüllt waren. Als wir dann um die Ecke bogen und den Raum in voller Pracht erblickten, konnten wir unseren Augen nicht trauen. Bereits am Vortag waren wir vom Ambiente des Tempels begeistert, doch dieser Anblick überstieg unsere Vorstellungskraft. Vom Balkon im hinteren Bereich aus beobachteten wir die Vorbereitungen. Es waren insgesamt 25 zusätzliche Schreine aufgebaut und außerdem eine Art Altar vor dem großen Buddha, welcher ebenfalls prunkvoll geschmückt war. Kurz nach 6.00 Uhr füllte sich der Raum und die Vorbereitungen schienen sich dem Ende zu neigen. Eine Frau, welche uns bereits am Vortag trotz sehr geringer Englischkenntnisse einige Hinweise, zum Beispiel zur korrekten Haltung der Hände an unterschiedlichen Stellen des Gebets, gegeben hatte, forderte uns auf, ihr zu folgen. Wir wurden in eine Reihe mit anderen Anwesenden gestellt, um alles genau mitverfolgen zu können.

Es geht los

Ein Gong eröffnete das Gebet und wir staunten nicht schlecht, als der altehrwürdige Abt des Tempels in gelb rot geschmückter Robe den Raum betrat. Er nahm stehend hinter dem Schrein hinten in der Mitte des Raumes seinen Platz ein und setzte eine schmuckvolle Kopfbedeckung auf. Neben den Frauen in den schwarzen Gewändern und einigen normal gekleideten Gläubigen waren auch mehr Mönche als am Vortag anwesend, deren Kutten unterschiedliche Farbtöne von braun bis gelb hatten. Nach einleitenden Worten des Altehrwürdigen startete der Gesang wie wir ihn bereits kennen gelernt hatten. Dieses Mal in einer Abwandlung, da es eine Art Kanon mit unterschiedlichen Gesängen war. Der Gesang wurde von unterschiedlichen kleinen Musikinstrumenten begleitet, welche die Mönche und eine der Frauen spielten. Nach einem langsameren Gesang folgte immer ein schnellerer Teil. Dies wurde mehrfach wiederholt, zwischendurch warf der Abt Jasminblüten in den Raum und sprach Worte, von denen wir leider keines verstanden. Die ganze Zeit über verstanden wir weder die Sprache, noch den Hintergrund des Gebets und der einzelnen Phasen. Doch gespannt lauschten wir dem Gesang, beobachteten alles um uns herum ganz genau und drehten uns mal nach links, mal nach rechts, ganz so wie es die anderen vormachten. Ein Gong ertönte und das Gebet schien zu Ende zu sein.

„Nur eine kurze Pause“

Doch mit der Annahme, das Gebet sei nach den anderthalb Stunden bereits zu Ende, lagen wir falsch. Einer der Mönche, der uns zuvor schon interessiert gefragt hatte, woher wir kommen, teilte uns mit, dass nun eine halbe Stunde Pause ist und es danach weiter geht. Bereits nach anderthalb Stunden barfuß und gerade stehend spürten wir unsere Füße und unsere Rücken deutlich. Ganz schön lang und aufwendig, so ein Morgengebet, dachten wir uns. Eine der Frauen lud uns nach unten zum Frühstück mit den Anderen ein. Es gab Reissuppe mit salziger Tofueinlage und Grüntee und wir durften gemeinsam mit zwei Mönchen an einem Tisch sitzen. Nach der Pause folgten wir der Masse dann wieder nach oben, um auch am Rest des Gebets teilzunehmen. Beim Frühstück haben wir von einem Mönch auch endlich erfahren, dass es sich hierbei keinesfalls um ein alltägliches Morgengebet handelte, sondern um eine sehr besondere Zeremonie: Die Neujahrszeremonie. Was für eine Ehre und was für ein schöner Zufall, ausgerechnet diesen Tag miterleben zu können. Anhand der Stimmung und der aufwendigen Schreine haben wir die besondere Bedeutung dieser Zeremonie direkt gespürt.

Teil 2 der Neujahrszeremonie

Es folgte der zweite Teil der Zeremonie. Nach dem Gesang folgte eine Art Räucherstäbchen-Zeremonie, bei welcher die Mönche Reihe für Reihe nach vorne baten. Über den Balkon ging es zurück vor den Schrein des großen Buddhas, vor welchem von einem Mönch eine Schale mit Holzstückchen gereicht wurde. Man nahm sich ein Stück, verbeugte sich mit gefalteten Händen das erste Mal vor dem großen Buddha, hielt sich dann das Holzstück rechts und links mit Daumen und Zeigefinger haltend an die Stirn, spreizte die restlichen Finger ab und verneigte sich nochmals. Im Anschluss wurde das Stück Holz dann in die Asche zu den anderen Räucherstäbchen gesteckt und ein letztes mal mit gefalteten Händen, verneigt bevor man zum Platz zurück ging und der nächste an der Reihe war. Nach diesem Ritual wurden dann alle einzelnen kleinen Schreine angebetet. Die Frauen in schwarzen Roben wurden von den Mönchen nach und nach auf die jeweiligen Schreine verteilt, und ein Schrein nach dem anderen wurde besungen. Nach jedem Ende eines Gesangs für einen Schrein wurde der Frau davor das Räucherstäbchen, das am Ende eines goldenen Drachens steckte, abgenommen und alle drehten sich zum nächsten Schrein um. Abwechselnd zur linken und zur rechten Seite. Wir lauschten weiterhin gespannt und verfolgten das Spektakel, bis es einen weiteren Gong gab. Obwohl es so spannend war, waren wir nach mittlerweile über 3 Stunden aufgrund schmerzender Füße ganz erleichtert, als wir das Ende der Zeremonie vermuteten. Aber nein – nochmal eine halbe Stunde Pause!

Pause Nummer zwei

In der zweiten Pause vertraten wir uns ein bisschen die Füße, um auch den Rest der Zeremonie durchzuhalten. Im Treppenhaus kam einer der Mönche mit zwei Armbändern auf uns zu und legte erst Thorben, dann mir ein Armband als Geschenk an. Schon als ich den Mönch mit den Armbändern auf uns zu kommen sah erinnerte ich mich an einen sehnlichen Wunsch, den Thorben mir vor kurzem erzählt hat (aber schon einige Jahre hatte): Er hatte gelesen, dass es eine große Ehre ist, von einem Mönch ein Armband geschenkt und umgelegt zu bekommen und hoffte inständig darauf, so etwas zu erleben. Ich schätzte das eher als unwahrscheinlich ein. Aber in diesem Moment erfüllte sich eben diese Wunschvorstellung und uns wurde diese große Ehre zuteil. Es handelt sich um geweihte und meist von den Mönchen selbst geknüpfte Armbänder, welche Glück bringen sollen. Einige der umstehenden Vietnamesen im Treppenhaus deuteten lächelnd und nickend auf unsere neuen Armbänder und freuten sich scheinbar mit uns. Um nicht zu spät zum (vielleicht) letzten Teil der Zeremonie zu kommen gingen wir wieder nach oben. Wir kamen mit dem Mönch, welcher bereits mit uns beim Frühstück zusammen saß, erneut ins Gespräch. Er erklärte uns viel zum Buddhismus, zum Beispiel dass dieser gar keine Religion sondern viel mehr eine Philosophie ist. Obwohl wir am Vortag bereits gelernt hatten, dass Buddha viel mehr ein Lehrer als ein Gott sei, war die Verneinung des Titels „Religion“ neu für uns.

Abschluss der Neujahrszeremonie

Im dritten Teil der Zeremonie wurden die verbleibenden Schreine besungen, zwischendurch sprach der Abt ein paar Worte, warf Jasminblüten und die Zeremonie wurde mit dem nächsten Schrein fortgeführt. Mittlerweile hatten wir nach über 4 Stunden wirklich Schmerzen beim Stehen. Einige der Damen nahmen zwischendurch auf dem Balkon Platz oder setzten sich auf den Boden, also taten wir es Ihnen gleich. Als alle anderen wieder in die Reihe zum Gebet gingen, folgten wir in der Annahme, das Schlussgebet würde nun folgen. Die Mönche brachten dem Abt 3 Tabletts zur Weihe. Eines mit unterschiedlichen Gefäßen und Blumen darauf, eines mit Essen und eines mit Stapeln von roten gefalteten Papieren auf denen chinesische Zeichen geschrieben waren. Die Mönche reichten die Tabletts reihum, jeder berührte das Tablett und es wurden Geldspenden in kleinen roten Umschlägen auf das Tablett mit dem roten Papier gelegt. Bei dieser Zeremonie wurde die hintere Reihe, mit uns und anderen Gläubigen ohne schwarze Robe ausgelassen. Der Abt ging anschließend durch alle Reihen und an allen Schreinen vorbei und spritze mit einem grünen Zweig Wasser auf die Schreine. Wir nehmen an, dass dies eine Art Weihung war. Zuletzt knieten sich alle Anwesenden nahe des Abts auf den Boden. Die Mönche brachten Tabletts mit Süßigkeiten, welche der Abt nun in die Masse warf. Hier kamen wir nicht um den Gedanken an den Kölner Karneval und das schmeißen der „Kamelle“ umher. Dies hatte wohl mit den Wünschen und Segnungen für das neue Jahr zu tun. Alle hoben Süßigkeiten und Nüsse auf, an einigen waren sogar klein gefaltete Geldscheine befestigt. Auch wir fingen etwas und waren uns nicht sicher, ob wir die kleinen Scheine behalten sollten. Die gefalteten Scheine als Spende wieder einzuwerfen erschien uns jedoch als respektlos und wir beschlossen, diese bei nächster Gelegenheit an jemanden weiterzugeben, der sie nötiger hat. Einige fingen bereits an, den Raum wieder aufzuräumen und abzubauen, während der Großteil jedoch bereits ins Treppenhaus ging.

Gastfreundschaft in der buddhistischen Gemeinde

Nach mittlerweile 5 Stunden war die Zeremonie beendet und erst jetzt realisierten wir, dass wir tatsächlich die ganze Zeit interessiert und gespannt dem Geschehen folgen konnten, obwohl wir kein einziges Wort der Zeremonie verstanden haben. Der Gesang und die Rituale hatten eine meditative, beruhigende und friedliche Atmosphäre geschaffen, in der wir uns sehr wohl gefühlt haben. Auch die spannenden Gespräche und Einblicke haben den Wunsch in uns ausgelöst, mehr über den Buddhismus zu erfahren. Der Mönch kam auf uns zu und nahm uns mit nach unten zum Mittagessen. Nie hätten wir erwartet, direkt so Willkommen geheißen zu werden. Ohne Erfahrung und Kenntnisse im Buddhismus und trotz der Sprachbarriere war es für die anderen selbstverständlich, uns in ihrer Runde aufzunehmen und sie freuten sich über unser Interesse und bewunderten bestimmt auch unser Durchhaltevermögen. Zum Mittagessen gab es gebratene Nudeln mit Gemüse und als Nachtisch eine Art Zuckersuppe mit roten und mehligen, grünen Früchten sowie etwas durchsichtigtem Glibberigem, was wir selbst nach dem Verzehr nicht definieren konnten. Dazu wurde Grüntee und Karottensaft gereicht. Wir fühlten uns umsorgt wie von einer Menge Omas, sobald wir etwas ausgetrunken oder aufgegessen hatten sprang jemand auf, um uns Nachschub anzubieten. Nach dem ersten Nein und einer weiteren Frage ob man wirklich nichts mehr wolle, es aber geschmeckt hatte, ließen sie locker und freuten sich. Nach dem Mittagessen löste sich die Gruppe langsam auf und als wir am Eingang unsere Spende einwarfen, trafen wir nochmal auf den Mönch, mit welchem wir bereits mehrere Gespräche geführt hatten. Er hatte in der dritten Pause etwas von seinem Tempel weiter nördlich in der Stadt erzählt und dass wir ihn gerne mal dort besuchen können. Wir fragten nochmal nach und er schlug uns den Nachmittag am Folgetag vor, um uns den Tempel zu zeigen, in welchem er studiert. Gerne werden wir auch diese Chance wahrnehmen. Beim Hinaus gehen zeigte er uns noch einen Automaten, in welchen man die kostenlos bereitgelegten Münzen einwerfen konnte. Daraufhin erklang Musik und eine Kleine Figur bewegte sich im Schaukasten des Automaten in ein Häuschen und kam mit einem zusammengerollten Zettel hinaus und warf diesen in die Ausgabe des Automaten. Und so kam jeder von uns noch zu einem Neujahrswunsch aus dem Automaten neben dem buddhistischen Tempel, dem cooleren Pendant zu einem Glückskeks.

1 thought on “Wie aus dem vermeintlichen Morgengebet etwas ganz Besonderes wurde

  1. Solch interessante Einblicke bekommt man nicht jeden Tag und manche nie, daher ist es super, dass Ihr das erlebt, so gut beschreibt und andere daran teilhaben laßt… weiter so.
    Ich bin mir sicher, dass Ihr noch sehr viele tolle Erlebnisse haben werdet.

    Grüß aus Deutschland 🙂

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